Eine Bewegung entsteht
Lesbische und queere Motorradfahrerinnen in San Francisco schließen sich zusammen. Aus einer informellen Gruppe entwickelt sich eine dauerhafte Gemeinschaft.


Von einer Gruppe selbstbewusster Motorradfahrerinnen in San Francisco zu einer internationalen Bewegung.
Eine Geschichte über Mut, Widerstand, Zusammenhalt, Selbstbestimmung und den Kampf um das Recht, stolz sichtbar zu sein.
Historischer Beitrag von Kate Brown, Präsidentin des San Francisco Dykes on Bikes® Women's Motorcycle Contingent. Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Warren, Sheila Malone und Brooke Oliver. Ursprünglich veröffentlicht am 25. August 2021 in der San Francisco Bay Times.
Diese Seite ist eine deutschsprachige, redaktionell gestaltete Wiedergabe der wesentlichen Inhalte.
Röhrende Motoren. Lautstarke Maschinen. Begeisterte Menschen am Straßenrand.
Ein Anblick, der zur Geschichte der LGBTQ+-Bewegung werden sollte.
Wenn die Motorradfahrerinnen des San Francisco Dykes on Bikes® Women's Motorcycle Contingent die Market Street entlangfahren, begrüßen sie die Menschen mit dem unverwechselbaren Klang ihrer Maschinen.
Die Bilder selbstbewusster, unabhängiger Frauen auf leistungsstarken Motorrädern wurden zu einem Symbol, das heute auf Pride-Paraden weltweit wiederzuerkennen ist.
Die Bewegung entstand aus der queeren und lesbischen Motorradszene San Franciscos in den 1970er-Jahren. 1976 gilt als offizielles Gründungsjahr.
Mehr als zwanzig Jahre bevor die Organisation begann, ihre Markenrechte schützen zu lassen, hatten sich etwa 20 bis 25 Motorradfahrerinnen an die Spitze des damaligen Gay Freedom Day March in San Francisco gesetzt.
Aus dieser zunächst informellen Gemeinschaft entwickelte sich eine Organisation, deren Präsenz bei der Pride-Parade zu einer festen Tradition wurde. Die Motorräder stehen dabei nicht nur für Fahrfreude, sondern auch für Freiheit, Selbstbestimmung und die öffentliche Sichtbarkeit lesbischer und queerer Frauen.
Die wichtigsten Stationen aus der Geschichte des San Francisco Mother Chapters.
Lesbische und queere Motorradfahrerinnen in San Francisco schließen sich zusammen. Aus einer informellen Gruppe entwickelt sich eine dauerhafte Gemeinschaft.
1976 wird als Gründungsjahr des San Francisco Dykes on Bikes® Women's Motorcycle Contingent anerkannt. Die Präsenz an der Spitze der Pride-Parade wird zu einem prägenden Symbol.
Der Vorstand beschließt, die Bezeichnung „Dykes on Bikes“ beim US-amerikanischen Patent- und Markenamt registrieren zu lassen. Der Name soll für die gemeinnützige Nutzung innerhalb der LGBTQ+-Community geschützt werden.
Mehr als zwei Dutzend Sachverständige aus Wissenschaft, Sprachforschung, Aktivismus, Kunst und Geschichtsforschung unterstützen die Argumentation, dass die selbstbestimmte Verwendung des Wortes „Dyke“ Ausdruck von Stolz und Empowerment sein kann.
Die Bezeichnung DYKES ON BIKES® wird schließlich beim US-amerikanischen Patent- und Markenamt registriert. Der Streit um das Logo geht jedoch weiter.
San Francisco Dykes on Bikes® beteiligt sich mit einem Amicus-Curiae-Schriftsatz am Verfahren Matal v. Tam vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten.
Der Supreme Court entscheidet einstimmig, dass eine Markenregistrierung nicht allein deshalb verweigert werden darf, weil eine Bezeichnung als herabwürdigend angesehen wird. Ein bedeutender Erfolg für die freie Meinungsäußerung und die LGBTQ+-Community.
Zum 45-jährigen Bestehen blickt das Mother Chapter auf seine Geschichte zurück und beginnt, Materialien aus fast fünf Jahrzehnten systematisch zu archivieren.
Ein halbes Jahrhundert nach dem offiziellen Gründungsjahr steht DYKES ON BIKES® für eine internationale Sisterhood, die ihre Geschichte weiterträgt.
Die Geschichte von DYKES ON BIKES® ist auch ein wichtiges Kapitel im Kampf um freie Meinungsäußerung und das Recht auf die eigene Identität.
Das US-Markenamt lehnt zunächst die Registrierung ab, weil es den Begriff „Dyke“ als herabwürdigend gegenüber lesbischen Frauen einstuft.
DYKES ON BIKES® widerspricht dieser Bewertung und macht deutlich, dass die Community den Begriff bewusst zurückerobert und als Ausdruck von Stolz verwendet.
Der Supreme Court erklärt die betreffende gesetzliche Beschränkung der Markenregistrierung für verfassungswidrig.
Für San Francisco Dykes on Bikes® ging es nicht nur um die Registrierung eines Namens. Es ging um das Recht, die eigene Identität selbst zu definieren und einen ursprünglich abwertend verwendeten Begriff bewusst als Ausdruck von Stolz und Stärke zu nutzen.
Unter der juristischen Führung von Brooke Oliver und mit Unterstützung unter anderem des National Center for Lesbian Rights wurde die Argumentation des Markenamts angefochten.
Im Verfahren Matal v. Tam argumentierte die Organisation, dass auch selbstbestimmte, politisch bedeutsame Sprache unter dem Schutz der Meinungsfreiheit steht. Gleichzeitig wurde die Bedeutung des Markenschutzes für gemeinnützige Organisationen hervorgehoben.
Der Erfolg von 2017 war deshalb weit mehr als ein juristischer Meilenstein: Er stärkte die Möglichkeit, selbstgewählte Bezeichnungen sichtbar und selbstbewusst zu verwenden.
San Francisco Dykes on Bikes® setzte den Schutz des Namens, des Logos und weiterer Kennzeichen fort, um eine kommerzielle Vereinnahmung zu verhindern und ihre gemeinnützige Nutzung innerhalb der LGBTQ+-Community zu bewahren.
Die eindrucksvolle Präsenz bei Pride-Paraden ist sichtbar. Die Arbeit dahinter geschieht oft im Verborgenen.
Anfang bis Mitte der 2000er-Jahre nahmen zeitweise bis zu 450 Motorradfahrer*innen an der Pride-Parade in San Francisco teil. Die gemeinsamen Ausfahrten wurden zu einem eindrucksvollen Zeichen queerer Sichtbarkeit.
Hinter der Parade steht eine vergleichsweise kleine Gruppe aktiver Patchholder*innen, die ganzjährig zusammenfährt und die Organisation trägt. Sie koordiniert Helfer*innen, Anmeldung, Aufstellung und die Road Captains.
Bereits früh am Morgen des Pride-Sonntags beginnen die Vorbereitungen. Nach der Parade gehört das gemeinsame Essen traditionell dazu: ein Moment des Zusammenhalts nach vielen Stunden intensiver Arbeit.
Auch 2021, als Pride-Veranstaltungen pandemiebedingt anders stattfanden, blieb das Mother Chapter sichtbar. Beim Pride Movie Night Event im Oracle Park fuhren DYKES ON BIKES® Motorräder über die Strecke im Stadion der San Francisco Giants.
Im selben Jahr begleiteten die Fahrer*innen zum zweiten Mal die Pink Torch Procession durch Oakland und San Francisco. Die Fackel wurde bis zum Twin Peaks gebracht, wo das große Pink Triangle mit 2.700 pinkfarbenen LED-Lichtern symbolisch erleuchtet wurde.
Aus einer lokalen Motorradgemeinschaft wurde eine internationale Bewegung mit einer gemeinsamen Mission.
Was Ende der 1970er-Jahre als lose organisierte Gruppe selbstbewusster lesbischer Motorradfahrerinnen begann, entwickelte sich zu einem weltweiten Netzwerk.
Patchholder*innen aus weit entfernten Chaptern, darunter London und Melbourne, reisten nach San Francisco, um gemeinsam mit dem Mother Chapter an der berühmten Pride-Parade teilzunehmen.
Auch zwischen den europäischen und australischen Chaptern bestehen Verbindungen: Mitglieder besuchen gegenseitig Pride-Veranstaltungen und unterstützen einander.
Die internationale Bewegung verbindet das Engagement für gemeinnützige Projekte, LGBTQ+-Communitys und die Motorradgemeinschaft mit dem Ziel, vielfältige Frauen durch Ausfahrten, Charity-Veranstaltungen, Pride und Bildungsangebote zu stärken.
DYKES ON BIKES® Rhein-Weser WMC trägt diese Geschichte als offiziell anerkanntes deutsches Chapter weiter. Unsere Straßen sind andere – unsere gemeinsame Haltung bleibt dieselbe.
Zum 45-jährigen Bestehen im Jahr 2021 begann das San Francisco Mother Chapter unter der Leitung und Begleitung von Emeritus Patchholder Dr. Sheila Malone, Materialien aus fast fünf Jahrzehnten zusammenzutragen und zu archivieren.
Dazu gehören Sitzungsprotokolle, Einladungen und Party-Flyer, Chapter-Patches, Fotografien, Motorradtanks und persönliche Gegenstände wichtiger Persönlichkeiten aus der Geschichte von DYKES ON BIKES®.
Ziel ist es, diese Geschichte dauerhaft zu bewahren und für Menschen zugänglich zu machen, die mehr über die Organisation, ihre Mitglieder und ihren Beitrag zum Kampf um LGBTQ+-Rechte und Gleichberechtigung erfahren möchten.
Denn jedes Mal, wenn die Motorräder über die Market Street rollen, ist dies nicht nur ein beeindruckender Auftritt: Es ist ein hörbares und sichtbares Zeichen von Stolz, Würde und Gleichberechtigung.
Unsere Geschichte begann mit Frauen, die ihren Platz nicht länger am Rand einnehmen wollten.
Sie fuhren nach vorne. Sie wurden sichtbar. Sie ließen sich nicht zum Schweigen bringen.
Diese Haltung verbindet DYKES ON BIKES® bis heute – von San Francisco bis Rhein-Weser und weit darüber hinaus.
DYKES ON BIKES® Rhein-Weser WMC
WOMEN'S MOTORCYCLE CONTINGENT